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Baugenossenschaft Sonnengarten
Intern

Zunderobsi

Der Bundesrat will es so
Family time
200 Kilos zugenommen
Nicht ohne Mundschutz
Dear Mr Gates
Leben auf Balkonien
Ich hasse Corona
Regenpfütze
Yoga
Blumenstrauss
Fensterblick
Spielplatz

Gelassen bleiben und hinnehmen, was nicht zu ändern ist. So kam man eigentlich am besten durch die letzten Monate. Genau diese Haltung spricht aus den bunten Illustrationen, welche die Berliner Illustratoren von Golden Cosmos für den Jahresbericht 2020 mit dem Titel Zunderobsi geschaffen haben. Sie trösten still, weil sie erkennen, was war und wie es war. Etwas Tröstliches hat auch der Text von Linus Reichlin, der sich in eine Zwölfjährige während des Lockdowns hineinversetzt hat – und einen gar zum Schmunzeln bringt. Besagt er doch: Die Welt steht Kopf, aber sie dreht sich munter weiter.

 

 

Aus dem Tagebuch von Misa Preisner, 12, 1. Stock

 

«Ich hasse Corona, ich hasse es, wie ich Ponys und Mara Stettler hasse, weil sie auf Instagram das Schokoherz gepostet hat, das Daniel Lehmann ihr geschenkt hat, weil er denkt, dass sie hübsch ist! Sie wohnt genau über mir, und weil sie und ihre Schwester Luzia seit Corona die ganze Zeit auf dem Balkon rumhängen und telefonieren, höre ich sie dauernd sagen, «Oh Daniel, wenn wir uns wieder küssen dürfen, dann tun wir das den ganzen Nachmittag lang!» Und dann höre ich Luzia sagen, «Sag deinem süssen Daniel einen Gruss von mir, er soll mal zwanzig Kilo abnehmen, sonst kommst du beim Küssen gar nicht an ihn ran.» Die hat’s grad nötig! Luzia hat doch seit Corona selbst zweihundert Kilo zugenommen, weil ihre Mutter jetzt die ganze Zeit zuhause ist und stapelweise ungarische Pfannkuchen kocht. Sie ist nämlich Ungarin, und ich liebe sie, weil sie Ponys auch nicht mag, sie sagt, «Ponys sind etwas für Engländer, eine richtige Ungarin reitet nur auf einem Kisber!» Ich weiss zwar nicht, was ein Kisber ist, aber ich weiss, wen sie mit Engländer meint, nämlich Herrn Morris. Er wohnt über den Stettlers, und weil er auch alleinerziehend ist wie Maras Mutter Anniko, dachte er, dass er ihr am besten mal einen Strauss Rosen schenkt. Meine Mama sagte, «Ich hab’ gesehen wie Herr Morris bei Anniko geklingelt hat, mit gelben Rosen! Gelbe Rosen schenkt man doch nicht einer Frau, und schon gar nicht ohne Mundschutz! Anniko hat die Rosen mit Gummihandschuhen angefasst, da wusste der arme Herr Morris gleich, dass er sich eine andere suchen muss.» «Ja, vielleicht dich», sagte ich zu Mama, und Mama sagte, «Bist du verrückt, Papa und ich lieben uns, und ausserdem ist Herr Morris Buchhändler, und ich schaue doch nur noch Netflix, das würde ihm bestimmt nicht gefallen. Und jetzt geh auf den Balkon und hör Mara und Luzia beim Telefonieren zu!» Wenn Mama Homeoffice macht, will sie ihre Ruhe haben, und Ruhe heisst, dass wir alle auf den Balkon müssen, sogar Fritzi, unser Kater, obwohl er eine Frischluftallergie hat, jedenfalls geht er gar nicht gern raus. Der Balkon ist einfach zu klein für Papa, Fritzi, mich und Lori, das ist mein Bruder, er hat schon Schuhgrösse 43, das ist einfach zu gross für den Balkon. Ausserdem redet Lori die ganze Zeit über Bill Gates. Lori denkt, dass er und Bill Gates die einzigen intelligenten Menschen auf dieser Welt sind, und deshalb schreibt er ihm jeden Tag eine Mail. Eine hab’ ich mal gelesen, da stand, «Dear Mr. Gates, thanks to Corona I had enough time to solve your Microsoft- Security-Problem.» Papa ist auch nicht viel besser, er sagt die ganze Zeit, wie schön es doch ist, dass er wegen Corona so viel Quality time mit uns verbringen kann, und dass er uns morgen zeigt, wie man einen Pfeilbogen schnitzt. Papa sagt, «Es kann ja sein, dass das nächste Virus noch viel gefährlicher ist, und dann muss man vielleicht wieder Tiere jagen zum Überleben, da ist es gut, wenn man weiss, wie man einen Pfeilbogen macht.» Mit solchen Leuten stehe ich auf dem Balkon, und von oben höre ich dauernd Mara, wie sie zu Daniel sagt, «Oh Daniel, könntest du mir vielleicht nächstes Mal etwas aus weisser Schokolade schenken, ich hab’ nämlich eine Nussallergie und bin an deinem Schokoherz fast erstickt, und musste fast ins Spital, wo doch jetzt alle Betten besetzt sind, die hätten mich gar nicht behandelt können, aber das nehme ich dir nicht übel, weil du so süss bist.» Huhu! Eine Ponyallergie hat Mara jedenfalls nicht, sonst würde sie ihr Zimmer nicht mit Ponypostern zupflastern. Mama sagt, «Ach, das ist nur eine Rebellion gegen ihre Mutter, weil die Ponys nicht mag, und weil sie von ihr verlangt, dass sie sich zwanzig Sekunden lang die Hände wäscht, wenn sie von draussen reinkommt.» Vielleicht müsste mal jemand Daniel die Augen öffnen und ihm mitteilen, dass Mara erstens nicht wirklich hübsch ist, und dass sie sich zweitens heimlich die Hände gar nicht wäscht und eine Brutstätte für das Virus ist. Und dann rebelliert sie auch noch gegen ihre Mutter, obwohl sie noch gar nicht alt genug dafür ist, sie ist ja noch nicht mal ganz 12. Mein Papa sagt, «Die Pubertät beginnt mit 14, und bis dahin bin ich der Chef, vor allem jetzt in diesen schwierigen Zeiten, der Bundesrat will das so.» Lori sagt, dass Bill Gates mit 14 schon eine Garage gehabt hat, in der er Computer zusammengebaut hat, und Papa sagt, «Unsere Garage ist dieser Balkon, hier bauen wir jetzt euer Wissen über Mathematik zusammen.» Jeden Tag müssen wir drei Stunden Homeschooling machen, wenn’s regnet, lässt Papa die Markise herunter, damit unsere Laptops nicht nass werden. Es ist echt schwierig, sich auf das blöde Bruchrechnen zu konzentrieren, wenn auf dem Balkon gegenüber Herr und Frau Bühler mit riesigen Mundschutzmasken rumlaufen und ihre Blumentöpfe mit einer Nährlösung besprühen, die man voll ins Gesicht kriegt, wenn der Wind in unsere Richtung bläst. An ganz schlechten Tagen klingelt Frau Bühler bei uns, dann trägt sie auch noch eine Art Taucherbrille, damit die Viren ihr nicht in die Augen fliegen. Sie verteilt immer im ganzen Haus Zettel, auf denen steht, dass Bill Gates von dem Virus profitiert, weil er in Afrika Millionen von Kindern damit impft, um herauszufinden, ob sich damit irgendwie Geld verdienen lässt. Mama ist immer ganz freundlich zu Frau Bühler, aber danach steckt sie die Zettel sofort zuunterst in den Mülleimer, damit Lori sie nicht zu sehen kriegt, der würde nämlich ziemlich ausflippen. Also wenn morgen Weihnachten wäre, würde ich jedenfalls heute Abend einen Wunschzettel ganz oben auf Fritzis Kratzbaum auf dem Balkon legen, und darauf würde stehen, «Liebes Christkind, ich glaube zwar nur noch an dich, damit du nicht enttäuscht bist, aber ich wünsche mir 1., dass Daniel endlich mal merkt, dass ich schöne Haare habe und 2., dass alles wieder so wird wie früher oder nein, nicht wie früher, denn da hat Daniel ja nicht gemerkt, dass ich schöne Haare habe. Also ich wünsche mir einfach eine tolle Zukunft, ich glaube, das ist nicht zu viel verlangt, du bist schliesslich das Christkind.»